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Kriegsenkel – transgenerationales Trauma und Ressource?

Liebe Leser*Innen,

eine Facette meines Berufes ist die Arbeit mit traumatisierten Personen. Auch in diesem Bereich bilde ich mich permanent fort und setze ich mich aktuell mit dem Bereich transgenerationale Traumata auseinander. Also Traumata, die ihren Nebel über Generationen hinweg auf die Familie legen. Oft ein scheinbar unbezwingbarer Kreislauf.

In diesem Zusammenhang bin ich auf die Arbeit einer ebenfalls systemisch arbeitenden Kollegin gestoßen, die sich auf diesen Themenkomplex spezialisiert hat. Diese hat mir heute auf meiner Jogging-Runde interessante Fragen beschert, die ich mit euch teilen möchte.

Ich möchte euch auf eine kleine gedankliche Reise einladen, meinen Freund Morbus vor dem größeren transgenerationalen Hintergrund zu betrachten.

Stellen wir uns doch mal folgendes Szenario vor: Da gab es eine Familie in Schlesien, die ihr einfaches und doch glückliches Leben als neunköpfige Großfamilie lebte. Der Ehemann in den Krieg berufen und zunächst verschollen, machte sich die Mutter mit ihren Kindern und ihrer eigenen bereits alten und immobilen Mutter auf die Flucht, als die Situation zu Hause zu bedrohlich wurde. Bis auf einen Handwagen nichts weiter als die Bekleidung am Leib. Das jüngste Kind noch ein Säugling. Die Flucht barg nicht nur körperliche Mühe in sich. Die Verantwortung für alle Kinder und die eigene Mutter zu tragen lag schwer auf der Flüchtlingsfrau. Viele Gefahren lauerten auf der Flucht. Denn schlechte Menschen fanden sich auch in den eigenen Reihen. Eine schutzlose Frau wurde selbst hinter den feindlichen Reihen oft zum Opfer von Diebstahl oder Gewalt. (So versteht man vielleicht auch, dass gerade Menschen mit solchen Erfahrungen ein Verhaltensmuster und unbewusste Überzeugungen zum Selbstschutz entwickelt haben könnten, wie „mach’ bloß nicht auf dich aufmerksam“, „bleib’ im Verborgenen“, „baue keine engen zwischenmenschlichen Beziehungen auf, da der Abbruch so schmerzhaft sein kann“ oder „sei schön ruhig und mach’ keinen Ärger“. Diese Botschaften könnte eine solche besorgte Mutter ihren Kindern auch unbewusst gegeben haben, um sie zu schützen.)

Stellen wir uns dann weiter vor, dass diese Familie auf der Flucht dann die seltene Möglichkeit einer Zugfahrt ergattern konnte. Eng gedrängt, wie in einem Viehtransport. Kaum Bewegungsspielraum. Und doch die Möglichkeit, schneller in Sicherheit zu gelangen. Ein Kind aus dieser Familie musste vielleicht seinen Platz neben einem Schwerverletzten einnehmen. Dieser verstarb während der Zugfahrt und das Kind musste womöglich die halbe Nacht unter dieser Leiche begraben ausharren. Sagte keinen Mucks.

Kaum vorstellbar.

Solche Kriegsleiden haben zahlreiche Traumata hinterlassen. Diese reichen auch noch durch die alten (damals hilfreichen) und weitervererbten Überzeugungen in die heutige Zeit. Doch sie haben auch etwas hervorgebracht, was als positiver „Nebeneffekt“ betrachtet werden kann.

Ich stelle keinesfalls die Schrecken und das Unrecht in Abrede!!! Doch ich betrachte jede Medaille mindestens von drei Seiten und bin bemüht, jedem Geschehen etwas Positives (die womöglich daraus erwachsene Ressource) abzuringen, um es (er-)tragbarer zu machen.

Menschen dieser Generation waren gezwungen, sich anzupassen, um zu überleben. Oder auch, um das Erlebte zu überleben. Wenn man also nicht durch Mord dem Krieg zum Opfer gefallen war, galt es die Schrecken in seiner Psyche so zu verarbeiten, dass man daran nicht zugrunde ging.

Daraus entwickelten sich vermutlich viele Verhaltensmuster, die Charles Darwin wohl auch heute noch seiner Evolutionstheorie zuschreiben würde.

Ein Verhalten könnte so also auch gewesen sein, dass man nicht rasten darf. Denn es war damals wichtig, weit weg zu kommen von dem Kriegsgeschehen. Die Distanzen konnten damals sehr oft nur mit körperlicher Anstrengung überwunden werden. Es war üblich, hart zu arbeiten für den Lebensunterhalt. Der Kontakt mit den eigenen Gefühlen barg womöglich starke Belastung in sich (bei den ganzen Kriegsgeschehen kaum ein Wunder). So entwickelten vielleicht viele so etwas wie Abgestumpftheit oder gar Abspaltung eigener Gefühle, um zu überleben. Und wer sich in diesem unwirtlichen Umfeld gut vernetzen konnte, hatte bessere Überlebenschancen – daraus folgten mitunter hohe soziale Kompetenzen. Auch Offenheit und Experimentierfreudigkeit erleichterten die Anpassung an Neues.

Selbst die Betroffenen, die dann irgendwann einmal einen sicheren Ort für sich fanden, konnten kaum diesen Fluchtmodus aufgeben. So blieb womöglich eine erhöhte Schreckhaftigkeit, vermehrte Wachsamkeit, innere Unruhe, Argwohn anderen Menschen gegenüber …. und die neu entwickelten „Überzeugungen“, die das Verhalten aus dem Unbewussten heraus steuerten.

Diejenigen, die sich gut an die neuen Gegebenheiten und ihre Umwelt anpassen konnten, fanden wieder ins Leben – doch was blieb?

Unbemerkt gaben sie an ihre Kinder und Enkel die (heute mitunter dysfunktionalen) Überzeugungen weiter. Denn Kinder lernen am Modell ihrer Bezugspersonen.

Der Krieg brachte nicht nur Betroffene durch Gewalt und Flucht hervor. Oft werden auch die Nachfahren deren vergessen, die im Krieg Schuld auf sich geladen haben. Auch das ist eine große Bürde, mit der diese Menschen leben mussten/müssen.

Heute habe ich etwas weit ausgeholt. Doch das scheint mir notwendig, um meiner Betrachtung besser folgen und sie einordnen zu können.

Als ich mal mit dem vermeintlichen Gen-„Defekt“ gehadert habe, der meiner Erkrankung zugrunde liegt, hat mich mein Herzmensch gefragt: „Was ist, wenn der Gendefekt ein Anpassungsversuch ist?!…“

Stellen wir uns doch nun einfach einmal vor, dass Morbus Bechterew häufiger mit den Kriegsfolgen assoziiert wäre…

Wir haben ja gesehen, dass Stresshormone die Entzündungsschübe anstoßen können. (siehe Zum Jahresausklang noch etwas Tiefsinniges …)

Wenn also Kriegsenkel vielleicht dem Phänomen unterliegen sollten, unbewusst noch immer „auf der Flucht zu sein“, so könnte darin vermutlich ein erhöhter Cortisolspiegel begründet sein, der oft bei Traumafolgestörungen zu finden ist – dieser würde die Erkrankung anfeuern.

Wenn stärkehaltige Kohlenhydrate bei uns Bechtis einen erneuten Schub auslösen können, ist dann da womöglich ein Zusammenhang zu der Mangelernährung während der Flucht und der Kriegszeit zu sehen? Unsere Vorfahren mussten oft ohne stärkehaltige Lebensmittel auskommen – hat der Organismus daher „verlernt“, diese zu verarbeiten und reagiert daher nun mit Abwehr/Entzündungen?

Warum ist es so, dass wir Betroffenen eine Verschlechterung zu erwarten haben, wenn wir rasten (keinen Sport treiben ist damit gemeint)? Gibt es da womöglich einen Zusammenhang, dass unsere Vorfahren, nicht rasten durften?

Warum finden sich unter den Nachfahren von Flüchtlingen immer wieder Menschen, die eine innere Unruhe umtreibt? Die immer etwas „schaffen“ müssen? Die womöglich Schwierigkeiten haben, anzukommen – sei es in Beziehungen, Wohnorten oder Berufen. Sind sie womöglich unbewusst noch immer „auf der Flucht“?

(Zu dem Thema transgenerationales Trauma werde ich an anderer Stelle mehr schreiben.)

Das waren für heute viele Hypothesen. Ich persönlich finde es spannend, mich damit auseinanderzusetzen. Das sind neue Perspektiven, die mir eine neue Haltung ermöglichen. Außerdem bilden Hypothesen schließlich eine Grundlage des Forschungsprozesses. Morbus Bechterew ist bis heute nur unzureichend erforscht und es gibt noch viele offene Fragen …

Wenn ich vor dem geschichtlichen Hintergrund als Kriegsenkel nun vielleicht gelernt habe, mich schnell anzupassen, so liefern gerade diese Tage tatsächlich einen Beleg dafür. Mir gelang es trotz aller Belastungen und trotz aller Wachsamkeit recht gut, mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen, meinen Weg zu finden und nicht permanent zu klagen (vielleicht eine alte Überzeugung 😉 meiner Vorfahren?), meine Lebensqualität zu halten. Auch im beruflichen Kontext ist es mir immer wieder von Vorteil, mit unvorhersehbaren Herausforderungen umgehen zu können und ohne große Mühe einen neuen Umgang damit zu finden. Kann das ein positiver Nebeneffekt der Kriegserlebnisse meiner Vorfahren sein? Flexibilität….? Schließlich bricht ja ein Grashalm auch nicht, selbst wenn der stärkste Sturm ihn schüttelt …

Wenn das so ist, dann ist es für mich ein weiterer Grund und Anlass, meinen Vorfahren zu danken! Danke für euren Mut, eure Kraft, euer Durchhaltevermögen, all eure Liebe, eure Resilienz … kurzum für euer Erbe und dass ihr mich zu dem Menschen gemacht habt, der ich heute bin. Danke für das Geschenk meines Lebens!

Muna

PS. So bleiben unterm Strich zwei Dinge festzuhalten: Es bleibt erstens eine spannende Aufgabe für uns Kriegsenkel, alte unbewusst übernommene (und dieser Tage nicht mehr gültige) Überzeugungen in uns aufzuspüren und durch funktionalere zu ersetzen. Und zweitens sollte unser Augenmerk unbedingt auf den positiven Effekt/die Ressourcen gelenkt werden, die sich aus all dem entwickeln konnten.

2 Gedanken zu „Kriegsenkel – transgenerationales Trauma und Ressource?“

  1. Liebe Muna,
    vielen Dank für dieses, sehr interessante Gedankenspiel.
    In meiner Arbeit mit Menschen mit Demenz und deren Angehörigen begegne ich fast täglich diesem „Phänomen“ von unbewussten Handlungen. In der fortgeschrittenen Demenz kommen diese oft ganz ungefiltert zum Vorschein. Zum Beispiel sehr schnelles Essen und bunkern von vermeintlich wertvollen Gegenständen, aber auch das von dir beschriebene „nicht auffallen“ oder die Rastlosigkeit. Dies kann ich nicht nur bei den sogenannten „Kriegs- und Flüchtlingskindern“ von damals beobachten, sondern auch bei Bewohnern deren Eltern diese schlimme Zeit überlebt haben.
    In ihrem Leben vor der Demenz spielten diese Handlungen bewusst (ich mach es anders als meine Eltern) oder unbewusst gar keine Rolle. Manchmal werde ich von Angehörigen, zumeist den Kindern, gefragt warum ihre Eltern in ihrer Demenz solche Handlungen zeigen und oft können wir gemeinsam ergründen, dass der Grund weit in der Vergangenheit liegt. Dann können die Kinder ihre Eltern und deren Entscheidungen, rückblickend oft besser verstehen, und manche reflektieren ihre eigenen, oft unbewussten Handlungen und Entscheidungen in ihrem Leben und der Erziehung ihrer Kinder.

    Liebe Grüße,
    Anja

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    1. Liebe Anja,
      herzlichen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass meine Worte dich erreichen konnten. Wenn es uns dann auch noch gelingen mag, den Blick mehr auf die aus all dem Graus erwachsenen Ressourcen zu lenken, gewinnen wir an Leichtigkeit im Leben. Ich freue mich auf einen weiteren Austausch und sende viele liebe Grüße,
      Muna

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