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Zum Jahresausklang noch etwas Tiefsinniges …

Obwohl ich inzwischen einen guten Umgang mit meiner Erkrankung gefunden habe, hat mein Freund „Morbus“ bis zur Diagnose bereits einiges bewirkt. Es kam zu ersten Verknöcherungen, die wiederum zu einer Schonhaltung und damit zu Haltungsschäden geführt hatten. Das kann ich nicht ungeschehen machen. Daher ist es trotz der annähernden Symptomfreiheit dieser Tage immer wieder notwendig, sich diesen alten Schäden zuzuwenden.

Als mich mein behandelnder Orthopäde kürzlich unerwartet mit meinen Bewegungseinschränkungen konfrontieren musste, habe ich mit fast kindlichem Trotz reagiert. „Jetzt betreibe ich doch schon so großen Aufwand und ich habe noch immer Schmerzen“, schoss mir wütend durch den Sinn. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich mich in letzter Zeit zu wenig um meinen Freund „Morbus“ gekümmert hatte.

Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, euch davon zu erzählen, warum und wie ich die Erkrankung zu meinem Freund „Morbus“ gemacht habe.

Als ich die Diagnose Morbus Bechterew bekam, hat mich das zunächst einmal in eine Art Schockstarre versetzt. Bei all dem Halbwissen, was dazu im Internet zu lesen ist, hat mir das Angst vor der Zukunft gemacht. Nachdem diese Starre nachließ, suchte ich nach Wegen, damit umzugehen. Die aufklärenden Gespräche mit meiner Hausärztin haben dabei sehr geholfen. Noch bevor ich auf die London-anti-starch-diet stieß, hatte ich bereits begonnen, mich gedanklich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen. Ich bin davon überzeugt, dass die Macht der Gedanken in jeder Lebenslage eine große Kraftquelle darstellt und so habe ich – stellenweise mit Hilfe einer lieben Kollegin – versucht, einen positiven Nutzen der Erkrankung zu finden. Klingt jetzt paradox? Ist es aber ganz und gar nicht.

Ich hatte seit der Diagnose ein Schmerztagebuch geführt und so herausgefunden, dass sich in den Lebenssituationen, in denen ich unter besonderem Stress litt, auch vermehrt Schmerzschübe zeigten. Ich konnte mit meiner Kollegin diese genauer anschauen. Wie gesagt, blieb mir die Möglichkeit, kräftezehrend gegen einen vermeintlichen Feind zu kämpfen und dies als Stress zu empfinden oder mich sozusagen mit ihm zu „verbünden“. Vielleicht ist es an dieser Stelle auch noch interessant: Stress führt zu einem erhöhten Spiegel des Hormons Cortisol und die Wissenschaft vermutet darin einen weiteren Zusammenhang zu den bei Morbus Bechterew vorkommenden Entzündungen. Wenn das Kämpfen also Stress verursacht, kann dies wieder zu mehr Entzündungen führen …ein Kreislauf.

Die für mich hilfreiche Strategie war es von da an, gut für mich und ein möglichst stressfreies Leben zu sorgen. Ich habe gelernt, Stress auf verschiedene Arten zu bewältigen. Denn wollen wir uns mal nichts vormachen: Das Leben passiert uns, während wir versuchen, es zu planen – und das kann immer wieder zu herausfordernden Situationen führen. Je mehr verschiedene Strategien und somit Handlungsspielraum ich also zur Bewältigung solch unvorhersehbarer Situationen zur Verfügung habe, je weniger Stress muss ich empfinden.

Was ist Stress denn überhaupt? Es ist die körperliche und psychische Reaktion auf eine subjektiv als Bedrohung bzw. eine nicht bewältigbar wahrgenommene Situation.

Die Situation können wir also vielleicht nicht verändern – aber unsere Position zu dieser. Denn DAS liegt in unserem Handlungsspielraum.

Ein Beispiel: Stell’ dir mal vor, du sitzt klagend und jammernd vor einem Hindernis und kannst die Lösung deines Problems nicht sehen. Dann bleiben dir mindestens zwei Möglichkeiten: Zum einen kannst du sitzenbleiben und klagend und jammernd leiden und deine Lebenssituation bleibt unverändert. Oder du stehst auf (ob mit oder ohne Hilfe) und kannst dann die vielleicht hinter dem Hindernis liegende Lösung entdecken. Es ist also ein Perspektivenwechsel, der oft helfen kann.

Um jetzt wieder auf meinen Freund „Morbus“ und seinen positiven Nutzen zurückzukommen: Seitdem ich das für mich durch diese Brille betrachte, sehe ich „Morbus“ als meinen Freund an, der mir eigentlich etwas Gutes will. Er meldet sich immer dann, wenn ich NICHT gut für mich sorge und ist mir daher ein Indikator für vernachlässigte Selbstfürsorge. Wenn ich allerdings gut für mich sorge, ist er zufrieden und freut sich mit mir und muss mir keine Symptome schicken.

Das ist EIN Erfahrungsbericht und EINE Sichtweise einer psychotherapeutisch arbeitenden Betroffenen. Dies ist nicht durch Studien untermauert. Aber es kann EINE Bewältigungsstrategie sein, die ich dir gern vorstellen wollte, weil sie mir sehr geholfen hat. Ich wünsche dir, dass du als Betroffener deine eigene hilfreiche Position findest – und wenn die Vorstellungskraft dich dabei mit einem noch so abenteuerlichen inneren Bild unterstützt, kann es vielleicht noch leichter gelingen. In diesem Sinne – viel Erfolg beim Finden!

Wünsche allen noch einen schönen Sonntag, eure Muna

 

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